Wozu braucht ein Sportler einen Psychiater?

Spitzensportler können psychisch krank werden. Mentale Stärke und psychische Gesundheit müssen nichts miteinander zu tun haben. Der Weg zum Psychiater ist aus vielerlei Gründen oft schwierig.

Sportler können Spitzeneistungen abliefern und schwer psychisch krank sein – zeitgleich.

Ein Sportler kann psychisch krank sein und dennoch muss seine sportliche Leistungsfähigkeit nicht darunter leiden . Umgekehrt gilt das gleiche. Ein Slalomskifahrer der bei jedem Rennen ausfällt muss noch lange keine psychische Erkrankung haben. In Deutschland gründeten Psychiater im Jahr 2010 im Rahmen der DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e.V.) das Referat für Sportpsychiatrie und -psychotherapie. Ein wachsendes Netz an ambulanten Einrichtungen ist seither entstanden. Sowohl Sportler, Betreuer und Familien können sich mit psychischen Beschwerden oder Fragestellungen an diese Stellen wenden. Die Sportpsychiatrie beschäftigt sich also mit der Vorbeugung, Diagnostik und Therapie von psychischen Erkrankungen bei Sportlern. Sportpsychiatrie ist die Anwendung des psychiatrischen Wissens und der Behandlungsmethoden in der Welt des Sports, so die offizielle Definition von Daniel Begel. Dieser rief bereits Anfang der 1990er Jahre in den USA die „International Society of Sport Psychiatry“ ins Leben. Die Sportpsychiatrie ist in der Zwischenzeit auch in Österreich angekommen. Im März 2020 wurde die Österreichische Gesellschaft für Sportpsychiatrie und -psychotherapie gegründet.

Es ist davon auszugehen, dass psychische Erkrankungen bei Leistungssportler mindestens so häufig auftreten wie in der Allgemeinbevölkerung.

Es ist davon auszugehen, dass psychische Erkrankungen bei Leistungssportler mindestens so häufig auftreten wie in der Allgemeinbevölkerung. Viel seltener jedoch findet der Sportler den Weg zum Psychiater beziehungsweise zum Sportpsychiater. Der psychischen Erkrankung haftet immer noch ein Stigma an, sie wird als Schwäche bewertet. Und Schwächen sind im sportlichen Umfeld besonders bedrohlich wo es darum geht stark, vor allem stärker als der Gegner zu sein. Daneben gibt es im Spitzensportumfeld oft zu wenig Verständnis für Mechanismen die zu psychischen Krisen führen können. Somit bleiben Sportler (meist viel zu lange) unbehandelt.

Wichtig ist es schon bei ersten Anzeichen einer Krise, einer Erschöpfungssymptomatik oder bei Stimmungsveränderungen sich professionelle Hilfe zu holen. Denn psychische Krisen und Krankheiten sind gut zu diagnostizieren und zu behandeln. Bei Sportlern können sich psychische Beschwerden jedoch anders ausdrücken als in der Allgemeinbevölkerung. Häufig zeigen sich zunächst somatische Beschwerden wie Schmerzen, Müdigkeit, Erschöpfung, Schlaflosigkeit, die eine psychische Problematik andeuten. Auch ein verzögerter Heilungsverlauf oder wiederholte Verletzungen können Hinweis für eine psychiatrische Problematik sein. Neben depressiven Erkrankungen gehören Suchtprobleme, Essstörungen, Angsterkrankungen, Suizidalität, Doping, Traumafolgestörungen, Übertraining, sportbedingte Schäden des Gehirns oder ADHS in den sportpsychiatrischen Themenkreis. Das spezifische Umfeld der Leistungssportler ist aber nicht immer entsprechend psychiatrisch ausgebildet, um solche psychischen Störungen zu erkennen

Der Zugang zu einer adäquaten psychiatrischen Diagnostik und Behandlung ist für Leistungssportler vielfach schwieriger. Daneben gibt es anfangs oftmals eine gewisse Skepsis gegenüber Psychiatern. Großes Vertrauen haben Sportler aber meist zu ihrem unmittelbaren Betreuer. Viele Sportler wenden sich bei psychischen Krisen zuerst an ihren Sportarzt, Teamarzt oder Hausarzt. Hat dieser ein psychiatrisches Verständnis und rät dieser dem Athleten zu einer weiteren Abklärung beim Sportpsychiater, wird die Hürde für den Sportler schon kleiner. Ziel muss es sein sowohl die Prävention und die individuelle psychiatrische Versorgung von Sportlern zu verbessern. Durch eine gezielte Information der Athleten, der Betreuer, der Familie des Athleten und der Öffentlichkeit soll es zu einem breiteren Verständnis für psychische Erkrankungen in der Sportwelt kommen und daher der Stigmatisierung von betroffenen Sportlerinnen und Sportler entgegengewirkt werden. Durch ein größeres Verständnis über psychische Erkrankungen sollen Sportler häufiger und früher als bisher den Weg zu einer professionellen psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlung finden und somit Hilfe bekommen. Die Österreichische Gesellschaft für Sportpsychiatrie- und psychotherapie (ÖGSPP) hat sich dies – unter anderem – als Ziel gesetzt.